Die Ausstellung
Rede der Schülerin Stephanie Lönneker anlässlich der Eröffnung der Ausstellung:
„Liebe Gäste,
im Namen der „Polen heute- AG“ der IGS Franzsches Feld heiße ich sie herzlich willkommen zur Eröffnung unserer Ausstellung „Draht zur Vergangenheit“.
Schülerinnen und Schüler des letzten und vorletzten 11. Jahrgans unserer Schule haben das Material, aus dem die Ausstellung entstanden ist, in jeweils mehrtägiger Arbeit im ehemaligen Konzentrationslager Stutthof zusammengetragen.
Stutthof, das auf polnisch „Sztutowo“ heißt, liegt, ziemlich versteckt, in einem Waldgebiet an der polnischen Ostseeküste in der Nähe von Danzig, polnisch Gdansk.
Um nicht jeden Tag von Danzig anreisen zu müssen, haben wir im Hotel „Baltic“ in Stegna gewohnt. Stegna liegt ca. 30 km von Danzig entfernt.
Wir, das waren jedes Mal ca. 30 Schülerinnen und Schüler, die Lehrer Fredegar Henze und Astrid Schrobsdorff und nicht zuletzt Simone und Bernhard. Simone ist Freiwillige bei der Aktion Sühnezeichen-Friedensdienste und Bernhard Zivildienstleistender aus Österreich. Beide sprechen auch polnisch, was uns die Verständigung sehr erleichtert hat.
Um von Stegna nach Stutthof zu kommen, mussten wir jeden Tag 2x ca. 1,5 Stunden Fußweg hinter uns bringen. Den größten Teil der Strecke legten wir am Strand zurück. Dann ging es durch den Wald, der das Lager umschließt.
An unseren ersten beiden Tagen haben wir eine zweiteilige Führung durch die Gedenkstätte erhalten. Zu ihr gehören heute nur noch Teile des ehemaligen Lagergeländes.
Die Tatsachen waren erschreckend. Bereits am 1. September 1939, also an dem Tag, an dem Deutschland Polen auf der Westerplatte angriff, wurden die ersten Häftlinge nach Stutthof gebracht. Am Anfang waren es polnische, politische Häftlinge. Später, als bis zu 50.000 Häftlinge in den Baracken untergebracht waren, waren es Polen, Litauer, osteuropäische Juden und sogar norwegische Polizisten, die unter unmenschlichen Bedingungen und auf engstem Raum eingesperrt waren.
Wenn man das Gedenkstättengelände betritt, ist es fast unmöglich, sich vorzustellen, dass einmal 50.000 Menschen gleichzeitig dort gewesen sein sollen. Abgesehen von der polnischen Schülergruppe, für die wir eine eine Führung organisiert haben, waren wir im kalten März die einzigen Besucher dort. Ein seltsames Gefühl.
Die Nazis entledigten sich der Häftlinge nicht nur durch gezielte Ermordungen, wie z.B. durch Giftspritzen oder Gas, sondern auch durch willkürlich durchgeführte Erschießungskommandos, mangelnde Hygiene und unzumutbar harte Arbeit.
Zahlreiche Akten, alle in Deutsch, zeugen noch heute von den damaligen Zuständen in Stutthof. Sie geben Auskunft sowohl über die Opfer als auch über die Täter.
Basierend auf den Führungen, die wir selber erhalten haben und auf Informationen aus den Akten, haben wir eine Führung für eine polnische Schülergruppe organisiert. Obwohl es Schüler aus der näheren Umgebung waren, hatten sie größtenteils kaum Kenntnisse über die Geschichte des Lagers.
Aber wir haben nicht nur in staubige Akten gewühlt. Einzeln oder in kleinen Gruppen sind wir durchs Lager gegangen, haben Eindrücke gesammelt und versucht, sie auf Fotos, Bildern und in Tagebucheinträgen verständlich zu machen.
Unser größtes Anliegen wäre es, Ihnen diese Eindrücke zu vermitteln. Wir wollten keine sachliche Dokumentation über den Alltag in einem Konzentrationslager machen, sondern Empfindungen und Gefühle darstellen. Deswegen besteht diese Ausstellung auch aus dem, was wir selbst aus Stutthof mitgebracht haben, sowohl in Gedanken als auch auf dem Papier.
Der Titel der Ausstellung, wie fast alles andere auch, geht zurück auf die Eindrücke, die wir von der Atmosphäre im Lager gewonnen haben. Stacheldraht trennt die verschiedenen Lagerteile von einander, Stacheldraht trennt, auch heute noch, das ehemalige Lagergelände von der Außenwelt, Stacheldraht trennt Gegenwart von Vergangenheit.
Dieser Draht bedrückte uns, aber über ihn haben wir auch einen Zugang zur Vergangenheit entwickelt.
Vielleicht können wir ihnen mit dem Programm dieser Veranstaltung einen Eindruck unserer Empfindungen vermitteln. Dazu zeigen wir Ihnen einige unserer Dias und unterlegen sie mit Zitaten von Häftlingen und Auszügen aus unseren Tagebüchern. Dann singt der Chor unter Leitung von Martin Hesse ein weiteres Lied. Wir hoffen. Anschließend mit Ihnen ins Gespräch zu kommen.
Aber ich
möchte nicht schließen, ohne Ihnen von unserem beeindruckenden Gespräch mit dem
heute 82-jährigen Herrn Lendzion zu berichten, der, zusammen mit seinem Vater zu
den ersten Häftlingen in Stutthof gehörte. Mit einem Zitat von eben diesem Herrn
möchte ich meine einleitenden Worte beenden.
Auf die Frage einer
Schülerin, ob sich jemals jemand bei ihm entschuldigt habe, für das, was er
erleiden musste, antwortete Herr Lendzion , obwohl er mit zahlreichen Deutschen
der älteren Generation gesprochen habe, hätte dies niemand von ihnen getan. Aber
das junge Leute wie wir nach Polen kommen und uns seine Geschichte anhören, sei
für ihn die wirkliche Entschuldigung.
Denn die Geschichte darf nicht
vergessen werden.“
